Umweltdachverband: Skandal im Schatten des Budgets - bevorrangter Wasserkraft- und Infrastrukturausbau für Großanlagen beschlossen
2010-12-14 08:46 von Schutzgemeinschaft
Wien, 01.12.10 (Umweltdachverband - UWD)
Im Schatten der Budgetrede wurde gestern im Nationalrat ein in letzter Sekunde von Peter Haubner (VP) und Wolfgang Katzian (SP) eingebrachter Änderungsantrag für die Novelle des Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetzes (ElWOG) mit Unterstützung der FPÖ abgesegnet. Mit dieser Änderung wird nun das wahr, was der UWD seit langem befürchtet hat, den Interessen der E-Wirtschaft wird künftig beim Leitungsbau und bei der Großwasserkraft unter dem Deckmantel der Versorgungssicherheit ein prioritäres Interesse eingeräumt. D.h., künftig wird es für die E-Wirtschaft einfacher, über Natur-, Umwelt- und BürgerInneninteressen drüber zu fahren. «Das ist der größte Skandal in der Energiepolitik der letzten Jahrzehnte», ist Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbandes entsetzt.
Kaltschnäuzigkeit und Ignoranz - Parlamentarismus am Abgrund
Besonders
bestürzt ist der Umweltdachverband über die Art und Weise wie diese
Gesetzesänderung zustande kam. «Der Parlamentarismus in Österreich
bewegt sich hart an der Grenze der Rechtsstaatlichkeit und der
Demokratie, wenn während der laufenden Verhandlung über das ElWOG, bei
der alle Abgeordneten ihre Stellungnahme abgeben, kurz vor dem letzten
Redner ein derart gravierender Änderungsantrag eingebracht und ohne
weitere Beratungen und Diskussionen bereits Minuten später beschlossen
wird. Mit einem derartigen Vorgehen verschärfen die dafür
verantwortlichen Abgeordneten die Abkehr der Menschen von der Politik.
Ausgesprochen enttäuscht bin ich vom Energiesprecher der FPÖ, Norbert
Hofer, der sich im Vorfeld noch dezidiert gegen diese Neuregelung
ausgesprochen hat, die Änderungen im Endeffekt aber abnickte und so den
Weg frei zu einem Beschluss machte. Hier stellt sich definitiv die
Frage: Was hat die FPÖ für diesen Deal erhalten?», so Heilingbrunner.
UVP-Behörden sind künftig Hände gebunden - Stuttgart 21 auch in Österreich?
Bei
der Gewichtung der öffentlichen Interessen bei großen UVP-pflichtigen
Projekten sind den Behörden künftig die Hände gebunden, da sie durch
diese Gesetzesänderung ein prioritäres Interesse am Bau von
Großkraftwerken und Stromautobahnen zu berücksichtigen haben. «Eine
freie Beweiswürdigung der unabhängigen UVP-Behörden und eine ausgewogene
Interessensabwägung ist damit obsolet. Großkraftwerke und Leitungen
können somit ohne Berücksichtigung von Umwelt- und BürgerInneninteressen
aus dem Boden gestampft werden. Die für diese Änderung verantwortlichen
Abgeordneten haben mit diesem Schritt die Balance zwischen Ökonomie und
Ökologie endgültig verlassen. Den Hintermännern dieser Aktion, allen
voran E-Wirtschaftslobbyist Wolfgang Anzengruber, sei ins Stammbuch
geschrieben: Die Auseinandersetzungen zwischen den BürgerInnen und der
E-Wirtschaft werden dadurch wieder härter werden, die Projekterfolge und
damit die ersehnte Planungssicherheit wieder gefährdet. Ein Aufbegehren
der BürgerInnen, wie bei Stuttgart 21, wird damit auch in Österreich
geradezu herausgefordert», erklärt Heilingbrunner.
ParlamentarierInnen werden sich noch Fragen gefallen lassen müssen
«All
jene Abgeordneten, die für diese Gesetzesänderung gestimmt haben,
können noch damit rechnen, von uns die eine oder andere Frage gestellt
zu bekommen. Wir werden das Stimmverhalten der einzelnen Abgeordneten
auf unserer Website publizieren und werden jeden und jede Abgeordnete um
eine Begründung ihres Stimmverhaltens bitten. Wir gehen nämlich davon
aus, dass den meisten der Abgeordneten die Tragweite dieser
Gesetzesänderung - die sie ohne Diskussion im Parlament Minuten nach
Einbringung beschlossen haben - gar nicht bewusst war», erklärt
Heilingbrunner.
Umweltdachverband prüft EU-Rechtswidrigkeit
«Klar
ist für uns auch, dass durch diese Gesetzesänderung insbesondere für
den Bereich der Wasserkraft eine Inkonformität mit den EU-rechtlichen
Vorgaben wie z.B. der Wasserrahmenrichtlinie geschaffen wurde. Wir
werden daher umgehend die Europäische Kommission mit dieser
Angelegenheit betrauen», so Heilingbrunner abschließend.
originale Presseaussendung des Umweltdachverbandes